bildungszentrum pestalozzi in leoben

warum ging leoben den weg mit nonconform?

Die steirische Mittelstadt Leoben ist der Prototyp einer österreichischen Stadt, die durch den Strukturwandel massiv von Schrumpfungen betroffen ist. Der klassische Industriestandort ist mit der Montanuniversität aber auch ein wichtiger Wissenschaftsstandort. 
Aufgrund der demographischen Entwicklungen wurde die Anzahl der Volksschulen bereits von acht auf fünf reduziert. Die Stadt Leoben hat erkannt, dass sie Antworten finden muss und entwickelte ein neues Schulstandortkonzept für die nächsten Jahrzehnte, in dessem Rahmen die drei Pflichtschulen Volksschule Donawitz, Neue Mittelschule Pestalozzi und Polytechnikum Göss in das denkmalgeschützte Gebäude der ehemaligen Pestalozzi-Hauptschule einzogen. Damit diese Reorganisation innerhalb eines gemeinsam genutzten Gebäudes gut durchdacht wird, trat die Stadtgemeinde an nonconform heran. Gemeinsam mit Michael Zinner und der wissenschaftlichen Begleitung durch schulRAUMkultur von der Kunstuniversität Linz leiteten wir den Beteiligungsprozess, Planung, Umsetzung und Einzug in das Schulgebäude. 

Logo der nonconform ideenwerkstatt

wie liefen beteiligungsprozess und planung ab?

In den Entwicklungsprozess wurden alle Betroffenen miteinbezogen: Schüler*innen, Pädagog*nnen, Eltern, Auftraggeber*innen der Stadt (Baudirektion, Projektleiter der infra-KG) und Hauspersonal. Auch das Bundesdenkmalamt war intensiv beteiligt. Mit Statiker*innen und Brandschutzexpert*innen wurde bereits bei der nonconform ideenwerkstatt Grundsätzliches abgeklärt. Auch das Schulamt und der Projektkoordinator der Immorent gewannen durch das Mitwirken das Vertrauen in den Prozess.

„Die Begegnung zwischen den Planenden und den Nutzenden in der Ideenwerkstatt fand auf einer Ebene statt, und viele Ideen sind auch tatsächlich im Beteiligungsprozess entstanden.“
Heimo Bergold

Baudirektor der Stadt Leoben

Nach dem Beteiligungsprozess  folgte die Planung, in der sich die Kommunikation mit den Nutzer*innen fortsetzte. In zahlreichen Treffen  wurden gemeinsam nutzungsrelevante Punkte konkretisiert. So fand etwa eine Testnutzung von Tafelsystemen statt. 

Damit das Potential der neuen Räume auch richtig ausgeschöpft werden kann, fand auch eine ausführliche Nachbetreuung für die Schüler*innen und Pädagog*innen statt. Neben Einführungsworkshops begleiteten wir mit Michael Zinner die Schulen noch das erste Jahr in der Aneignungsphase. 

was war das besondere in leoben?

Wenn aus einer demographischen Situation heraus drei Schulen in einem Gebäude zusammengelegt werden, reicht es nicht, die Klassen nur in Räume zu verteilen, sondern es muss von Anfang an bedacht werden, dass sich der Bedarf wieder ändern kann. Diese Nutzungsneutralität muss mitgedacht werden. Aus dieser Zusammenlegung heraus ergeben sich mögliche Synergien, wie der fließende Übergang zwischen den Schulformen. Der Umgang mit den verschiedenen Altersstufen sowie mit den „eigenen“ und gemeinsamen Bereichen ist wichtig: „wer ist wo?“ und „wie leben wir zusammen?“.

In einem 1:1 „Raum-Bau-Workshop“ werden von Schüler*innen Raumformen, Durchblicke und Zugänge getestet.

wie sieht das ergebnis aus?

Aus den ökonomischen Nöten wurden pädagogische und schulkulturelle Tugenden. Die Ideenwerkstatt war gleichzeitig der Beginn des Zusammenwachsens der drei Schulen, die sich bis dahin größtenteils nicht kannten. Ohne diesen Prozess wäre ein gemeinsames Zimmer für alle Lehrer*innen der drei Schulen nie denkbar gewesen. Synergien zwischen den Nutzungen haben viele „weiche” Raumnutzungen abseits des Standardklassenzimmers ermöglicht. In der integral gedachten Nachmittagsbetreuung gibt es keine Extraflächen für den Aufenthalt am Vor- und Nachmittag, sondern Lernlandschaften mit differenzierten Räumen (Rückzug, Begegnung, etc.) für jede Tageszeit. Dabei sind die Klassenzimmer teilweise zum Gang hin geöffnet, um „atmen“ zu können.

Das alte Gebäude verwandelte sich in eine vielfältige Landschaft neuer Lern- und Pausensettings. © Kurt Hörbst

„Der Schulalltag hat sich in der Arbeit im Bildungszentrum im Vergleich zu anderen Schulen sehr geändert. Neue Synergien wurden geschaffen und Kommunikation im Schulalltag hat einen anderen Stellenwert bekommen. Der Unterricht ist viel offener, flexibler und ’situationselastischer‘ geworden“
Alexandra Baumgartner

Direktorin der Volksschule

Dreh- und Angelpunkt des Umbaus war die Transformation der finsteren Mitte des denkmalgeschützten Schulgebäudes. Das Gebäude wurde systematisch an verschiedenen Punkten geöffnet und perforiert, um Licht und Durchblick zu ermöglichen: Die Mittelmauer im Zentrum wurde zur Gänze abgebrochen. Hier entfaltet sich nun ein heller, großzügiger Raum vertikal über alle Ebenen und bietet mehr Raum, Luft und Licht für das Entstehen eines Wir-Gefühls aller Schulen. 

Dem Raumkonzept zufolge werden neben der Bibliothek, auch die Küchen und Werk- und Bewegungsräume gemeinsam benützt. Das erfordert die Ökonomie, wird aber zu einem sozialen Gewinn, weil die Schulen miteinander ins Gespräch kommen. © Kurt Hörbst

Das alte Gebäude verwandelte sich in eine vielfältige Landschaft neuer Lern- und Pausensettings. Wo früher dunkle Gänge gähnende Leere verbreiteten, tummeln sich heute Schüler*innen zwischen Strandkörben und Tischfußballtischen, spielen in Sitznischen Verstecken oder beobachten das Treiben in den anderen Klassenzimmern durch die sogenannten „Lernporen“. Jeder Klassenraum besitzt zwei dieser Poren, die – als Sitz- und Lernmöbel ausgeführt – Durchblicke in den Gang bilden. Das Lehren und Lernen muss in dieser Schule nicht nur in der Klasse stattfinden, sondern kann sich über die ehemaligen Gänge auf alle Bereiche hin ausdehnen. Dadurch konnte die sinnvoll nutzbare Fläche in ihrem Anteil von zwei Drittel auf drei Viertel erhöht werden. Zusätzlich sind immer zwei Klassen durch zwei Türen zusammenschaltbar. So ist ein gemeinsames Arbeiten unterschiedlicher Schultypen und Altersstufen möglich. Darüber hinaus wurde die ehemalige Schule durch einen Zubau im Hof um ein „Schulrestaurant“, eine Bibliothek mit Atrium, eine Spielterrasse mit Freitreppe und Sitzstufen sowie um einen kinder- und spielfreundlichen Freibereich erweitert.

Eröffnungsfeier am ersten Schultag im Herbst 2016 © Freisinger

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